Kapitel I: Riten

Ern analysierte die Daten routinemäßig wieder und wieder, prüfte Fehlerquellen und Alternativszenarien. Die Schlüsse blieben stets die selben.
Die Menschheit, oder wer auch immer, hatte es geschafft, den Vortex in die nördliche Polareregion zurück zu drängen und seine weiter Ausbreitung zu stoppen.
Aller Wahrscheinlichkeit nach hatten die Asheda etwas damit zu tun, zumindest ließen einige Messungen darauf schließen, dass eine Art Gewebekäfig im Zentrum der Region stand und dort den Votex an einer weiteren Ausbreitung hinderte. Es mussten Asheda gewesen sein, die diesen Käfig errichteten.
Die Wanderer selbst hatten keine Asheda unter sich. Aus ungeklärten Gründen war es den Asheda  unmöglich gewesen, ihre Fähigkeiten außerhalb der Erde einzusetzen. Bemerkenswert war allerdings eine andere Entwicklung innerhalb der Wanderer gewesen, die, so wurde spekuliert, auf ähnlichen Zusammenhängen beruhte, wie die Fähigkeiten der Asheda. Einige Kinder waren bereits vor der Großen Flucht mit telepathischen und unterschiedlichen präkognitiven Fähigkeiten geboren worden oder hatten diese später entwickelt. Auch gab es inzwischen Wanderer die direkt mit Maschinen in Kontakt treten konnten, die Tech-Fühler. Jeder Tech-Fühler war grundsätzlich ein genialer Ingenieur oder Techniker.
Hinzu kamen noch eine Unzahl weiterer Fähigkeiten und Talente, die auf einzelne Kolonien, Stationen und Planeten beschränkt waren und die sich dort in Wechselwirkung mit der jeweiligen Umwelt entwickelt hatten.
Es gab Pläne, bestimmte dieser Talentierten einzusetzen, um eine mögliche Ausweitung des Vortex zu verhindern, sollte dies notwendig sein, doch schien diese Notwendigkeit gegenwärtig nicht zu bestehen..
Nach einigen Tagen kam schließlich übermittelte der Horchposten weitere Instruktionen. Der Rat des Bundes hatte entschieden, einen genaueren Blick auf die Situation der Erde zu werfen.
Ern überprüfte ein letztes Mal die Daten, dann folgte der nächste Schritt der Expedition, das Wecken der im Cryoschlaf befindlichen biologischen Besatzung.

Zaldek richtete sich schwerfällig auf der Liege auf. Lange Cryoschlafperioden hatten immer gewisse Nebenwirkungen, diese verschwanden zwar nach einigen Stunden aber die Zeit bis dahin war hart. Er persönlich fühlte sich immer wie eingeweicht. Arme und Beine waren kraftlos und wollten ihm nicht recht gehorchen. Mühsam schwang er seine Beine von der Liege, tastete mit den Füßen nach dem Boden und schwankte unbeholfen zur zentralen Messe, wo bereits zwei weitere Bionten an einem der runden Tische saßen. Sie waren in einem ähnlichen Zustand wie er und stocherten mit einer seltsamen Mischung aus Abscheu und Heißhunger in den vor ihnen stehenden Schüsseln mit Aufbaunahrung.
Derg war ein Mensch wie er, Lagron ein Ogen, drei Meter hoch und an den Schultern fast zwei Meter breit.
Nachdem Zaldek sich ebenfalls eine Schüssel Aufbaunahrung gezogen hatte, ließ er sich matt und schwerfällig in einen der Kontursitze fallen.
"Einer der vielen kleinen Unannehmlichkeiten dieser Mission..." rumpelte Lagron. "Auf jedem anderen Schiff hätten wir medizinische Einrichtungen, die uns wesentlich sanfter aufgetaut hätten."
"Warte bis Morgen, dann geht das wieder." knurrte Derg und schob seine Schüssel von sich. "Zumindest können wir von uns behaupten, die ersten im Solsystem gewesen zu sein, das ist uns später bestimmt ein Trost. Bis es soweit ist... ich bin in meinem Quartier."
Lagron und Zaldek stocherten noch einige Zeit schweigend in ihren Schüsseln, keinem war viel nach reden, zumindest jetzt nicht, in einigen Stunden würde das anders aussehen, dann würde sich die erste Schicht vollständig erholt und die zweite und dritte Schicht auch schon aufgetaut sein und man könnte dann dieses historische Ereignis mit einer Zeremonie begehen. Bis dahin war allerdings diese furchtbare Durststrecke des Postcryosyndroms zu überwinden.
Einige Zeit später schlurfte Zaldek träge in die Medstation um sich eine weitere Infusion zu gönnen, auch dies würde die Nachwirkungen des Cryoschlafs mildern und vielleicht hatte er anschließend sogar tatsächlich Appetit. Er hatte die Medistation noch nicht erreicht, da sah er bereits durch deren Glaswand einen grauschwarzen Nebel, der diese fast vollständig ausfüllte, ein Nanoschwarm.
Nanoschwärme waren schon seit einigen Generationen nahezu in allen Lebensbereichen der Wanderer zu finden. Sie sorgten für sterile Verhältnisse in Operationsstationen, entsorgten Toxine und wandelten diese um, wurden im Terraforming eingesetzt und boten künstlichen Intelligenzen einen Realkörper.
Der Nanoschwarm in der Medistation verdichtete sich zu einer Kugel mit völlig glatter Oberfläche.
Es gab einen kurzen Intervall Stille, bis der Nanoschwarm begann, akkustische Kommunikation zu benutzen.
Guten Morgen Biont Zaldek. Ich bin U-VaraGenri. Meine Aufgabe ist es primär dafür zu sorgen, dem Feind nichts verwertbares zu hinterlassen und im Notfall viral gegen ihn vorzugehen.
"Bionano? Ich bin überrascht, U-VaraGenri. Beim letzten Briefing vor dem Start des Schiffes hieß es noch, auf diese Art Technologie würde aus Sicherheitsgründen verzichtet werden."
Meine Teilnahme an dieser Expedition war eine Entscheidung in letzter Minute. Da wir vor Expeditionsbeginn ebenso wie jetzt keine Anzeichen von Hochtechnologie auf der Erde fanden, ist davon auszugehen, dass, was immer wir dort unten finden werden, nicht hoch genug entwickelt ist, um eine Vorstellung von dem zu haben, was ich bin. Was ein Gegner nicht kennt, kann er auch  nicht bekämpfen. Ich bin als  letzte Verteidigungslinie für den Fall einer übernahme gedacht. Kein Besatzungsmitglied hat die Kenntnisse, die notwendig sind, um etwas wie mich zu konstruieren und in den Datenbanken des Schiffes finden sich keine entsprechenden Aufzeichnungen. Inzwischen sorge ich hier für Sauberkeit und verfolge meinen Dienst auf der Medi-Station.
"Ich verstehe." Zaldek hegte einen gewissen Verdacht. Der Nanoschwarm hatte sicher zusätzliche Instruktionen für den absoluten Notfall erhalten. U-VaraGenri hatte recht, es war kein Spezialist für Nanotechnologie an Bord. Es waren nicht einmal Geräte vorhanden, die feststellen konnten, welcher Generation dieser Naoschwarm angehörte. Er könnte also so hoch genug entwickelt sein, um eine feindliche Nutzung aus Mangel an Verständnis gänzlich unmöglich zu machen. Zaldek war sich nicht sicher, ob dies ein beruhigender Gedanke war, oder nicht.
"U-VaraGenri, hast Du die Möglichkeit, die Cryo-Rückstände aus meinem System zu filtern?"
Dazu bin ich nicht autorisiert.
Das war kein Nein, dachte er sich, der Nanoschwarm wäre also in der Lage, das zu tun, hatte aber gleichzeitig Anweisungen, es nicht zu tun. Auch gut.
"Macht nichts, dann muss eine Infusion auch reichen." Damit nahm sich Zaldek einen grauen Beutel aus einem Kühlfach und presste diesen auf seinen linken Oberarm. Der Beutel verband sich augenblicklich mit seinem Gewebe und begann, seinen Inhalt in Zaldeks Blutkreislauf abzugeben.


Einige Stunden später traf sich die jetzt vollständig aufgetaute und aktivierte Besatzung der Ern Mashac in der großen Messe. Die Besatzung bestand aus 20 Intelligenzen, die zentrale Schiffs AI Ern nicht mitgerechnet, sie war Teil des Schiffs und insofern kein Teil der Besatzung.
12 Menschen, vier Ogen und vier AIs in Nanokörpern. Sie standen alle, einschließlich einer Holographie die Ern repräsentierte, im Kreis um einen runden Tisch, dessen Oberfläche momentan Marmor entsprach.
Eine hochgewachsene Frau, deren intensiv orangenen Augen sie als Nexemphatin auswiesen, trat aus dem Rund und berührte die Oberfläche des Tisches, aus dem augenblicklich eine Miniatur der Himmelsnadel von Neu Alexandria wuchs, dem ersten Weltraumlift, den die Wanderer außerhalb des Solystems fertigstellten und dessen Fertigstellung den Beginn des neuen Kalenders markierte.

Alle organischen Intelligenzen spürten, wie die Nexempathin alle ihre Gedanken zu einem großen Ganzen verwob und sie alle teilten ihre Leben und Erfahrungen miteinander, wurden zu einer Gemeinschaft, die von nun an mehr verbinden würde, als Arbeit, Pflicht, Ziele und persönliche Sympathien. Von nun an waren sie mehr als eine Familie, mehr als Freunde. Sie würden die perfekte Gemeinschaft sein, zumindest bis diese Mission zu Ende war und vielleicht darüber hinaus.
Nexemphaten waren selten und wurden fast mit religöser Ehrfurcht betrachtet. Sie waren die perfekten Diplomaten, Streitschlichter und Architekten von Gemeinschaften. Sie konnten die Leben von organischen Intelligenzwesen miteinander verweben und gerade deshalb durften sie ihre Talente nie einsetzen, wenn keine AI anwesend war. Die Gefahr des Missbrauchs war zu hoch und in der Vergangenheit hatte es schon mehr als einen Kult um besonders mächtige Nexempathen gegeben, meist auf Welten mit niedrigem Techlevel und ohne hochentwickelte AIs.
Aus unbekannten Gründen waren auch sowohl Telepathen wie Techfühler nicht für die Fähigkeiten der Nexempathen empfänglich, währen Telepathen ihrerseits die Gedanken der Nexempathen nicht lesen konnten.
Das direkte Gefühl der Gemeinschaft endete, aber ein Gefühl der Verbundenheit blieb. Die Oberfläche des Tisches hatte sich erneut geändert.
Über einer perfekt schwarzen Oberfläche erschien nun eine Holographie des Mars. Kel'Alen, die Nexempathin begann zu sprechen:
"Meine Brüder und Schwestern, nach langen Jahrhunderten sind wir zurückgekehrt zur Wiege der Menschheit, noch wissen wir nicht, was uns auf der Erde erwartet, doch wissen wir, dass sich vieles geändert hat, wir werden in kleinen Schritten vorgehen und zuerst möglichst viel unserer Herkunft bergen, sollte eine rasche Flucht angeraten sein. Aus diesem Grund heist unser erstes planetares Ziel  Olympus Mons, wo unsre Vorfahren die große Stadt Remuri errichteten, zu der so viele von uns ihre Herkunft zurückverfolgen können."
Die Holographie simulierte einen Sinkflug des Betrachters zur Marsoberfläche und zeigte zum Schluss die Ruinen von Remuri, die eingestürzte Kuppel der Stadt und die Ruinen darunter.
Gleichzeitig öffneten sich die Sichtluken der großen Messe und gaben den Blick auf den Mars frei, dem sich die Ern Mashac schnell näherte und der Bald das gesamte Sichtfeld ausfüllte.


Olympus Mons


Kapitel II: Olympus Mons




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